9

 

„Andreas, warte.“

Erwartete nicht. Nein, er sah sie nicht einmal an.

Als er jetzt zur Tür herumwirbelte, bewegte er sich schneller, als ihre menschlichen Augen wahrnehmen konnten. Er stieß die Tür auf in die kalte Nacht. Trat hinaus auf die Betonstufe.

„Andr-e ...“

Der kurze Blick, den er ihr über die Schulter zuwarf, war wild und heiß. Seine Fänge glänzten weiß, erschreckend riesig. An der empfindlichen Stelle an ihrem Hals konnte Claire immer noch ihre scharfen Spitzen spüren. Und selbst wenn sie noch hundert Jahre leben würde, würde sie nie den schockierenden, sinnlichen Schmerz seines Bisses vergessen. Oder die Lust.

Gott, diese heiße, wundersame Welle der Lust zu spüren, als Andreas aus ihrer Vene trank.

Sie waren verdammt. Claire wusste es, und auch er wusste es; die Erkenntnis stand in seinem Gesicht geschrieben und brannte in seinem gequälten, glühenden Blick, als er stehen blieb und sie unter dem Licht der Straßenlampen anstarrte.

Sie konnte nicht ihm gehören. Claire musste sich an diese Tatsache erinnern, als ihre Beine begannen, ihm instinktiv zu folgen. Sie gehörte einem anderen, verbunden durch ihr Blut und ihr Gelübde, wenn schon nicht durch Liebe.

Einem anderen, der den plötzlichen emotionalen Aufruhr in Claires Körper gespürt haben musste, als wäre es sein eigener. Nach dem Stammesgesetz gab es keine größere Sünde, als das Sakrament der Blutsverbindung zu verraten.

Aber als Andreas herumfuhr und die Treppe hinabstieg und Claire zur Tür rannte, nur um zu sehen, wie er in der Nacht verschwand, wusste sie, dass sie sich einer viel schwereren Sünde schuldig gemacht hatte. Der Sünde, eine Blutsverbindung eingegangen und die Stammesgefährtin eines Mannes geworden zu sein, während ihr Herz sich noch nach einem anderen sehnte.

Vor dreißig Jahren war sie eine junge Frau gewesen, kaum Anfang zwanzig - in vielerlei Hinsicht noch so naiv, besonders was die Existenz einer anderen Rasse von Geschöpfen anging, die sich von Blut nährten und in der Dunkelheit lebten, unglaublichen Wesen, die irgendwie menschlich waren... und doch weit davon entfernt.

Sie war damals Studentin gewesen, zum ersten Mal allein in Europa, als ein Vampir sie in ebendiesem Viertel angegriffen hatte. Dass sie nicht gebissen worden war, hatte sie einem anderen Angehörigen dieser Spezies zu verdanken, keinem Ungeheuer, das sich aus den Schatten auf sie stürzte, sondern einem groß gewachsenen, blonden, kultivierten Gentleman namens Wilhelm Roth.

Er hatte sie bei sieh aufgenommen - in seinem Dunklen Hafen, wie man ihr sagte, und ihr für die Dauer ihres Aufenthalts in der Stadt seinen Schutz angeboten. Sie waren Claire sympathisch gewesen, Wilhelm Roth und seine Gefährtin, eine schüchterne junge Frau namens Ilsa, die dasselbe seltsame Muttermal auf ihrem Knöchel trug wie Claire seitlich am Hals. Claire hatte viel gelernt in diesen ersten paar Wochen, die sie beim Stamm als Wilhelm Roths Schützling verbracht hatte. Einschließlich der Tatsache, dass es durchaus möglich war, sich in einen Angehörigen dieser Spezies zu verlieben, was prompt geschah, sobald sie Andreas Reichen kennenlernte.

Nach vier gemeinsamen Monaten war sie völlig am Ende gewesen, als Andreas abrupt aus ihrem Leben verschwunden war.

Wilhelm Roth hatte ihr seine starke Schulter angeboten, um sich auszuweinen. Und nicht viel später war es dann an Claire gewesen, ihm beizustehen, als er Ilsa durch eine Rogueattacke verlor. Selbst damals hatte Claire gewusst, dass Mitgefühl und Sympathie kaum dasselbe waren wie Liebe. Doch Wilhelm schien es nichts auszumachen, dass ihr Herz immer noch gebrochen war und sie immer noch Andreas nachtrauerte, als er sie noch im selben Jahr drängte, seine Gefährtin zu werden. Aber dann, keine Woche nach ihrer Blutsverbindung, hatte Wilhelm sie auf das Landhaus ausquartiert und war selbst in Hamburg geblieben.

Welch einen schrecklichen, törichten Fehler sie begangen hatte. Das wusste sie jetzt - eine bittere Lektion - , wenn ihr Kopf erfüllt war von Zweifeln an Wilhelm und Andreas ihr gerade aufs Neue das Herz brach.

Claire taumelte immer noch unter dieser Erkenntnis, als ein schwarzer Geländewagen mit quietschenden Reifen unter ihr am Straßenrand hielt.

Zwei schwer bewaffnete Agenten sprangen aus dem Fahrzeug und erfassten sie im blendenden Strahl einer Taschenlampe.

„Frau Roth?“, fragte einer von ihnen, sichtlich überrascht, sie hier zu sehen. „Der stumme Alarm hat uns einen Einbruch im Büro gemeldet. Sind Sie in Ordnung?“

Sie wusste nicht, ob sie antwortete oder nicht. Sie fühlte sich wie betäubt, haltlos... beraubt.

„Ist sonst noch jemand im Gebäude?“, fragte der andere Agent sie. „Sind Sie allein hier, Frau Roth? Wie haben Sie es geschafft, diesem Wahnsinnigen zu entkommen, der die letzten Nächte so furchtbar gewütet hat?“

Claire hatte ihnen nichts zu sagen. Alles, was sie wollte, war, Andreas nachzulaufen, aber die beiden riesigen, schwer bewaffneten Agenten ließen sie nicht aus den Augen. Sie führten sie ins Haus zurück und begannen, dort alles zu durchsuchen.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte der eine tröstend. „Dieser Albtraum ist jetzt vorbei. Wir und Herr Direktor Roth kriegen den Bastard schon, der Ihr Zuhause überfallen hat, und knallen ihn ab wie einen tollwütigen Hund.“

„Und ob“, stimmte der zweite Mann zu, er lächelte, als wollte er sie beruhigen. „Sie werden schon sehen.

Schon bald sind Sie an einem sicheren Ort, als wären die letzten beiden Nächte nie geschehen.“

Claire entschuldigte sich und ging ins Badezimmer.

Dort saß sie im Dunkeln und versuchte, nicht zu schreien.

In einer unterirdischen Einrichtung, versteckt unter unberührtem Waldland im Süden Neuenglands, bleckte eine Kreatur, die nicht in diese Zeit und schon gar nicht auf diese Erde gehörte, ihre enormen Fänge und stieß ein markerschütterndes Brüllen aus. Über zwei Meter groß, haarlos und nackt außer dem dichten Gewirr von pulsierenden Hautmustern, die ihn von Kopf bis Fuß bedeckten, bot der Älteste einen furchteinflößenden, schrecklichen Anblick.

Besonders, wenn er wie jetzt in seiner zylindrischen Zelle aus UV-Licht auf- und abging und aus den geschlitzten Pupillen in den feurigen gelben Iriskreisen Mordlust blitzte.

Wilhelm Roth, der ihn im Überwachungsraum des Hightechlabors aus sicherer Entfernung beobachtete, wurde von einer plötzlichen Erkenntnis abgelenkt: Seine Stammesgefährtin betrog ihn mit Andreas Reichen. Roths Sinne meldeten ihm sofort, dass sie für Reichen blutete. Der Geschmack war wie Säure auf seiner Zunge. Wie der gefangene Älteste im anderen Raum zitterte Roth vom plötzlichen Drang, in wilder Wut aufzubrüllen, aber er biss fest die Zähne zusammen und unterdrückte seine Wut.

Selbst jetzt konnte er Claires Qualen fühlen; der plötzliche Aufruhr ihrer Gefühle, ihre Verwirrung und Verzweiflung hallten auch in seinen eigenen Venen wider. Dass sie immer noch nach Reichen schmachtete, überraschte ihn nicht. Sie hatte all die Jahre mit aller Kraft versucht, ihre Gefühle für ihn zu verdrängen, aber ihr Wille war schwach und ihr Blut hatte sie schnell verraten. Nicht, dass Roth sich je viel aus Claires treulosem Herzen gemacht hätte. Liebe war ein flüchtiges, unbeständiges Gefühl, für das er nie viel Verwendung gehabt hatte. Ehrgeiz, materielle Besitztümer, Erfolg... das waren die Dinge, die er wertschätzte.

Und er war ein verdammt schlechter Verlierer.

„Der Älteste ist seit einundzwanzig Tagen auf Nahrungsentzug“, sagte der Stammesvampir, der mit Roth aus dem Fenster des Beobachtungsraumes auf ihn hinuntersah.

Sein Name war Dragos, wenn er sich auch anders genannt, einen von mehreren Decknamen benutzt hatte, als er Roth zuerst angesprochen und ihm vorgeschlagen hatte, sich seiner Revolution anzuschließen. Oder vielmehr seiner Evolution, denn durch Dragos' Plan würde der Stamm aus der düsteren Unterwelt, in die er heutzutage verbannt war, zu einer Vormachtposition über die Menschheit aufsteigen, mit Dragos und einigen seiner handverlesenen Verbündeten an der Spitze.

„Ausgedehnter Nahrungsentzug ist natürlich schmerzhaft“, fuhr Dragos fort, „aber bereits in wenigen Tagen werden seine Körperfunktionen sich auf ein hinreichendes Maß reduziert haben. Wir haben ihm regelmäßig Sedative verabreicht, um den Prozess zu beschleunigen, doch leider ist bei dieser Art von Operation die einzig bewährte, sicherste Methode die Zeit... sagen Sie mir ruhig, wenn ich Sie langweile, Herr Roth.“

Roth riss sich aus seiner Zerstreutheit und neigte respektvoll den Kopf.

„Nicht im Geringsten, Sir.“

Dragos zu verärgern war Selbstmord, und wenn der Stammesvampir wie jetzt in diesem liebenswürdigen Tonfall sprach, war er definitiv wütend.

„Sie beginnen, mir Sorgen zu machen, Roth. Lassen Sie sich etwa von den Schwierigkeiten, die Sie neuerdings mit diesem Ungeziefer in Deutschland haben, von wichtigeren Angelegenheiten ablenken?“

Obwohl der verbale Hieb schmerzte, senkte Roth den Kopf noch tiefer. „Nein, Sir. Nicht im Geringsten.“

Dragos wusste, dass Roths Dunkler Hafen in Hamburg und sein Landhaus zerstört worden waren.

Er wusste, dass Roths Gefährtin und der Angreifer einander schon lange kannten.

Auch Roth hatte seine Vorgeschichte mit Reichen.

Ein Hass, der schon Monate begonnen hatte, bevor Claire überhaupt auf der Bildfläche erschienen war. Er fragte sich oft, ob Reichen die Tiefe seiner Feindschaft überhaupt erfasste oder den Aufwand, den Roth betrieben hatte, um Reichen leiden zu sehen.

Er musste die Situation zu Hause in Hamburg schleunigst in den Griff bekommen. Und das bedeutete, dass er dafür sorgen musste, dass Andreas Reichen einen schnellen, sicheren und möglichst schmerzhaften Tod starb.

Roth hob den Kopf, um dem starren Blick seines Kommandanten zu begegnen. „Sie haben keinerlei Grund zur Beunruhigung, Sir. Unsere Mission ist meine einzige Priorität.“

„Gut.“ Dragos durchbohrte ihn mit scharfen Blicken. „Das will ich hoffen, Herr Roth.“

Auf der anderen Seite des Beobachtungsfensters stieß der Älteste wieder ein qualvolles Heulen aus.

Dragos sah ungerührt zu, wie die Kreatur, der Vater seines Vaters, sich den Körper zerkratzte und vor Schmerzen gellend aufschrie.

„Ich brauche Sie vorerst nicht mehr“, murmelte Dragos, ohne Roth anzusehen. „Später am Abend erwarte ich einen Bericht über Ihren aktuellen Status.“

„Jawohl, Sir“, zischte Roth mit einem angespannten Lächeln.

Das Lächeln verzog sich zu einer wütenden Grimasse, sobald er das Labor verlassen hatte und hinausging, um sich seinen Geschäften für Dragos zu widmen. Als in seiner Tasche sein Handy klingelte, musste er sich zusammennehmen, um das Ding nicht in seiner Faust zu zerquetschen, während er durch den Bunker stürmte.

„Was?“, blaffte er hinein.

Er lauschte und sein Blut kochte in seinen Adern, als ein Agent aus Hamburg ihn darüber informierte, dass seine Stammesgefährtin sich sicher in ihrem Gewahrsam befand.

„Ist sie allein?“

„Jawohl, Herr Direktor. Und wie durch ein Wunder scheint sie unversehrt. Wir haben sie hier bei uns, in Ihrem Büro in der Speicherstadt.“

„Hervorragend.“ Roth betrat einen Lagerraum, in dem gerade niemand war, und schloss die Tür hinter sich. „Holen Sie sie an den Apparat. Ich habe mit ihr zu reden.“

Claire wollte den Agenten ignorieren, der an die Badezimmertür klopfte, aber sie konnte sich nicht ewig dort verstecken. Und genauso wenig ließ sich das Gespräch mit Wilhelm vermeiden, der offenbar gerade am Telefon war und mit ihr reden wollte.

„Frau Roth“, rief der Agent. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Sie stand vom Boden auf, wo sie gesessen hatte, und ging, um die Tür zu öffnen. Als sie aus dem dunklen Raum trat, drückte der Agent ihr sein Handy in die Hand. Sie nahm es. Hob es langsam ans Ohr.

Sobald sie Wilhelms Atem hörte, der heiß über die Sprechmuschel blies, wusste sie, dass er wütend auf sie war.

Ihre Venen summten ihr eine Warnung zu, doch sie hatte nicht die Geduld, sie zur Kenntnis zu nehmen.

„Du hast mich angelogen“, sagte sie statt einer Begrüßung. „Aber das hast du ja schon oft getan, nicht wahr?“

Sein Hohn war scharf wie eine Klinge. „Wovon zur Hölle redest du?“

„Die Männer, die du heute Nacht zum Landhaus geschickt hast. Sie hatten nicht die geringste Absicht, Andreas friedlich mitzunehmen. Du hast eine Todesschwadron geschickt, um ihn zu töten.“

„Andreas Reichen ist ein hochgefährliches Individuum“, kam die eisige Antwort. „Es ging mir nur um deine Sicherheit, Claire.“

„Ach wirklich?“ Ihre Stimme hob sich leicht, genug, um unruhige Blicke ihrer beiden Wachhunde auf sich zu ziehen. „Wenn meine Sicherheit dir so am Herzen liegt, warum hast du dann darauf bestanden, dass ich mit ihm dort bleibe? Du hast mich ihm praktisch in die Arme getrieben.“

Sein tiefes, amüsiertes Kichern kratzte über ihre Nerven. „Also wirklich, ich verstehe nicht, warum du dich so aufregst, Liebling. Ich nehme doch an, dass es dir gelungen ist, diese Situation unversehrt zu überstehen... mit heilem Hals.“

Claire quittierte die mehrdeutige Bemerkung mit einem angespannten Kopfschütteln. Sie war nicht bereit, sich von ihm erniedrigen zu lassen, während er sie ganz krank machte vor Wut, Ekel und auch Angst. „Wie war das mit dem Mädchen aus dem Club Aphrodite, Wilhelm? Hat sie dich unversehrt überstanden?“

Am anderen Ende breitete sich Schweigen aus, was Claire den Mut gab, weiterzusprechen und alles in einem Atemzug vor ihm auszubreiten.

„Was weißt du über den Überfall auf Andreas' Dunklen Hafen, Wilhelm? Hattest du etwas damit zu tun?“ Sie würgte förmlich an den schrecklichen Worten. „Hast du ihm eine Lakaiin ins Haus geschickt und eine Todesschwadron mit dem Befehl, alle im Haus zu töten? Bist du wirklich der kaltblütige Mörder, für den er dich hält?“

„Ich bitte dich, Claire. Du solltest dich selbst hören, was für paranoiden Unsinn du da redest.“

„So, tue ich das?“ Sie vernahm das Zögern in seiner Stimme. Sie konnte hören, wie es in seinem Kopf arbeitete - wie er seine Fehler kalkulierte und die beste Art, sie herunterzuspielen. „Was ist das zwischen dir und Andreas? Hat er dir gedroht, dich irgendwie bloßzustellen, oder ist es etwas Persönliches ... wegen früher?“

„Was früher war, kümmert mich herzlich wenig“, erwiderte er völlig emotionslos. „Und wenn mich nicht alles täuscht, Claire, ist diese Sache zwischen Reichen und mir erst vor Kurzem extrem persönlich geworden. Was wäre ich für ein Gefährte, wenn ich ihm durchgehen lassen würde, das Sakrament unserer Verbindung zu schänden und sich ungestraft aus dem Staub zu machen? Es gibt im ganzen Vampirvolk keinen einzigen Mann, der mir das Recht verweigern würde, deine Ehre zu verteidigen.“

Oh Gott. Er hatte recht.

Wenn schon die Anschläge, die Andreas in den letzten Wochen verübt hatte, nicht Grund genug waren, dann hatte Andreas, indem er von ihr, einer blutsverbundenen Stammesgefährtin, getrunken hatte, sein eigenes Todesurteil unterschrieben.

Claire schluckte den Klumpen aus Angst, der in ihre Kehle stieg, hinunter. „Du hast mich nie geliebt, Wilhelm. Nicht wahr? Warum wolltest du mich als deine Gefährtin? Warum kümmert es dich, was ich jetzt tue, wenn ich doch nie wirklich ein Teil deines Lebens war? Unsere Verbindung ist immer nur eine reine Farce gewesen...“

„Wenn du glaubst, dass du deine Taten auf diese Art rechtfertigen kannst, Claire, dann irrst du dich gewaltig. Tatsache ist, du bist meine Gefährtin. Wenn ich Andreas Reichen in die Hände bekomme, werde ich all die Rechte einfordern, die mir zustehen. Darauf kannst du dich verlassen.“

Sie konnte die Gefahr in seinem Tonfall hören, und angesichts der Schärfe, mit der er sie unterbrochen hatte, wusste sie, dass sie bei ihm keinerlei Gnade finden würde. Sie war nie eine gewesen, die sich duckte, aber bei dem Gedanken, dass er weitere Killer in die Stadt schickte, um Andre zu finden, zog sich ihr Herz zusammen, als stecke es in einem Schraubstock.

„Wilhelm, bitte...“

„Bitte mich nicht, Claire. Nicht für ihn“, fuhr er sie giftig an. „Gib mir jetzt den Agenten wieder. Du wirst mit den Männern zu ihrem Hauptquartier fahren und ihnen behilflich sein, dieses... Tier aufzuspüren.“

„Wilhelm, nein...“

„Gib mir den Agenten, verdammt noch mal!“

Es war nicht nötig, die bewaffneten Wächter auf sie aufmerksam zu machen. Beide starrten sie mit offenem Mund an, als Wilhelms wütender Aufschrei durch den Raum hallte. Einer der Agenten kam zu ihr herüber und entwand ihr das Handy aus ihrem widerstrebenden Griff. Er lauschte nur einen Augenblick, dann gab er dem anderen Agenten ein Zeichen, zu Claire hinüberzugehen, und wies ihn an, sie nicht entkommen zu lassen.

Claires Herz hämmerte in ihrer Brust, als der Agent das Gespräch beendete.

Sie konnte Verwirrung und Mitgefühl in den Augen des Stammesvampirs sehen, als er das Handy zuklappte und mit der Ruhe eines Soldaten, der an schwierige Situationen gewöhnt ist, auf sie zukam.

„Sie müssen jetzt mit uns kommen“, sagte er sanft, aber bestimmt. „Wir haben Befehle, Frau Roth. Tut mir leid.“

„Nein.“ Er griff nach ihr, und Claire geriet in Panik.

„Ich gehe nicht mit Ihnen. Lassen Sie mich los!“

Jetzt schaltete sich auch der zweite Agent ein, seine Miene war ernst. „Zwingen Sie uns nicht zu härteren Maßnahmen, in Ordnung?“

Claire wand ihren Arm aus dem schmerzenden Griff. Sie machte zwei schnelle Schritte von ihnen fort, hatte ernsthaft vor, zu fliehen, sofern sie es irgendwie bis zur Tür schaffte.

Sie schaffte es nicht. Bevor sie auch nur die Chance hatte, zu blinzeln, war der eine Agent schon dort. Der andere trat hinter sie und stieß ihr etwas Hartes und Kaltes ins Kreuz.

Sie spürte den sengenden Biss der Elektroschockpistole nur einen Sekundenbruchteil, bevor der Schock die Beine unter ihr nachgeben ließ.

Mit einem gebrochenen Aufschrei fiel sie zu Boden, Schmerzwellen durchzuckten sie.

„Trag sie raus“, hörte sie den einen Agenten über ihr sagen. „Ich gehe vor und mache die Wagentür auf.“

Harte, riesige Hände zerrten sie auf die Füße. Sie hörte die Haustür, spürte, wie kalte Nachtluft über den Boden hereinströmte. Dann ein tiefes Grunzen und ein abruptes, widerlich nasses Geräusch. Jemand keuchte, schnappte gurgelnd nach Luft.

Der Agent, der Claire festhielt, ließ sie los und wappnete sich gegen das, was da auf der Schwelle der offenen Tür stand. „Was zum Teufel...!“

Claire hob den Kopf und konnte einen überraschten, erleichterten Aufschrei nicht zurückhalten.

Andreas.

Oh Gott... er war zu ihr zurückgekommen. Sein riesiger Körper blockierte den Eingang, seine Augen sprühten Feuer, Fänge glänzten weiß und gefährlich.

Zu seinen Füßen lag die blutende Leiche des Agenten, der ihr den Elektroschock versetzt hatte, sein Hals war mit einer schwarzen schmiedeeisernen Stange, die Andreas vom Treppengeländer abgerissen hatte, brutal aufgespießt und praktisch abgetrennt worden. Als der zweite Agent seine Waffe zog und Anstalten machte, zu schießen, stapfte Andreas hinein und feuerte mit der Waffe seines Kameraden auf ihn, tötete ihn mit der schnellen, tödlichen Zielsicherheit eines Scharfschützen.

Dann war er an ihrer Seite, als existiere auf der Welt nichts anderes mehr für ihn.

„Claire... um Gottes willen“, sagte er, seine Stimme schroff, seine Miene so ernst, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er strich mit den Händen über ihr Gesicht, berührte jeden Zentimeter von ihr, als fürchtete er, sie könnte zerbrochen sein. Seine starken Finger zitterten an ihrer Haut. Einen Augenblick lang dachte sie - hoffte sie verzweifelt - , dass er sie wieder küssen würde.

„Bist du verletzt?“

Sie schüttelte den Kopf, fühlte sich zittrig und wacklig auf den Beinen, bis Andreas ihr den Arm um die Schultern legte und sie von all dem Blut und Tod auf dem Boden wegführte. „Wir sind hier in der Stadt nicht mehr sicher“, sagte sie zu ihm. „Ich habe eben mit Wilhelm gesprochen. Er weiß, dass ich mit dir zusammen bin. Er weiß, dass du heute Nacht von mir getrunken hast.“

Andreas presste die Lippen zusammen. Etwas Düsteres blitzte in seinen Augen auf. Reue vielleicht?

Oder Bedauern?

„Ich glaube, jetzt sind wir beide nicht mehr sicher vor ihm“, sagte sie.

Er starrte sie lange an, intensiv und forschend.

Dann nickte er knapp. „Du kommst mit mir, Claire.

Egal, was passiert, bei mir bist du in Sicherheit.“

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